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REPORTAGE
von einer unendlichen Reise


Gedichte - geschrieben 1971 in Stockholm -
übersetzt 1979 zu meiner Austellung im Kunstamt Charlottenburg, West Berlin.


von Wis - Wieslaw Sadurski

Reportage von einer unendlichen Reise, Wieslaw Sadurski


heute ist es so gemütlich
die Welt
ist gemacht aus Kaninchenohren

der Pfad
den ich unter den Bäumen gehe
ist die Linie deiner linken Handfläche

zwischen Wolken öffnen sich Türen
durch Gedanken schimmern Hoffnungen
in den Regentropfen
entfaltet sich
die Rose
und verneigt sich
vor dem Herzen

ich sehe
wie die Landschaft draussen hinter die Zeit zurückgeht

der hohe Hügel erzittert unter dem Druck des Gletschers
das Wasser kehrt um
dicht behaarte Mammuts tauchen ihre Stoßzähne hinein
und laufen vor ihrem Abbild davon
das ihnen die Zukunft der Welt offenbart

ich kniee
ich beuge mich arbeitsam über die Oberfläche des Tages

die Welt
schweigt
dann
stellt sie Fragen
die Ewigkeit
verhört den Menschen

ich begrüße dich mit meinem Atem
mit der Birkenreihe auf dem Hügel
mit dem Frühling
mit dem Flug der Stare
mit dem was das Schicksal bringt

es ist vier Uhr morgens
ich begrüße dich mit jeder Dämmerung
mit dem Feuer
irgendwo in den Wolken
hoch
mit einer Brotscheibe
mit Schnee

schau in meine Richtung
meine Augen sind leer wie der Strand:
ein paar Felsen
Winde
Tropfen
einzelne Splitter - trotzig - einfach so

ich begrüße dich mit dem Leben
so wie jede andere Gestalt
hier und jetzt
aber auch nie
ich begrüße dich in der Zeit

heute begegnete ich ein paar Menschen
der erste
sprach über Gott
den er hörte in der Nacht des Elends und der Erniedrigung
der zweite sprach über einen Rosenstrauch
welcher schluchzte
der dritte
über das Leiden
das zum vollen Erlebnis unentbehrlich ist

ich begegnete auch dem Eichhörnchen
das mir sehr aufmerksam in die Augen schaute
und dem Käfer im schwarzen und schimmernden Violett

als ich die Straße hinunterging -
sah ich im Fenster ein Gesicht
das mir so eindringlich entgegensah
daß ich Antwort finden mußte
auf Nichts und Niemand

das alles
war ein und dieselbe Melodie:
ein Gedicht von Rilke
ein Lied von Bob Marley
Sorgen einer Freudin
mein
Entzücken

dieselbe Melodie
doch mit stets eigenem Klang

eines Tages wird sich das Gras in der Sonne aufrichten

ein Wind wird uns verwehen
in Raum verwandeln
wir werden nicht mehr verzweifeln
uns nicht mehr sehnen

das Gras wird über uns rauschen
und es wird keine Tränen geben

ich will sein wie ein Mensch
ich will wieder wollen
erreichen verlassen mich enttäuschen
Verzauberungen unterliegen
blindlings laufen

ich will dich erkennen
dich
Weib
die ich kaum erahne in dem Schauer des Sommers

ich will
daß aus Fenstern unseres Hauses die Zeit sichtbar wird
die unabhängige Zeit
ja! ich will!
das der Fichtenhügel zur See hinunterläuft
das Rauschen der Wellen mische sich mit Glocken
und dem Blöken der Schafe
unsere Kinder sollen
schreien
bis zum Geht-Nicht-Mehr
Kastanien jagen
nach Milch lächzen

ich will
unter dem Himmel soll Donner grollen
der Blitz wird den Flammen die Richtung zeigen
sie sollen uns erfassen
es werde Welt

als ich vor Jahren zu meiner Heimreise aufbrach
erhob sich von der Wiese eine Libelle durchsichtig empor
das Getreide rauschte
es roch nach Sommer
ein Weib winkte mir
mit einer Blume

warum rede ich darüber?
warum nicht!
noch immer weiß ich nicht
was ist Ich
und was nicht

einer Welt aus kristallinen Energien
schaut mit Staunen und Ensetzen
mit Lachen und Weinen
auf einen Hasen
der auf steinigem Pfad in den Morgen läuft

hört das Beben des Meeres und das Brausen
der Autos hinter dem Hügel

berührt
riecht
erkennt
entblöst
erfährt

in einer unendlich langsamen Bewegung
die meiner Reise ähnellt
die Welt schaut sich selbst
mit meinen Augen

führe mich
Birkenzweig
durch Gewitter und Sonnentage
verliere deine Blätter
halte meine Tränen nicht
befreie das Licht
das innen wartet

unsere Verwandlungen sprudeln aus derselben Quelle

eines Tages sehen wir uns
glanzdurchströmt
unser Lachen wird die Welt erschüttern

heute sah ich das Geheimnis:
Augen eines Kindes schauten in mich hinein

und ich versteifte
im Vorgefühl eines Weibes
das ich schwängern werde

wenn jemand wie ich
mehr geben kann als sich selbst

der Herbst hat einen erotischen Duft
alles reift
Blätter fallen
Tatsächliches erscheint

das im Herbst empfangene Kind
unter den Julilinden riecht nach Milch

Herbst ist die Zeit der Wiedergeburt:
konzentrierter Glanz des Sommers
sucht sich einen Weg durch die Haut

Licht fließt in den Raum
erschafft ihn
darin rauscht die Zeit in den Flüssen
meiner Heimat

es riecht nach durchpflügter Erde
Feuer
Blätter feucht vom Regen
Unendlichkeit
Brot
Schlaf von Liebkosungen erquickt

denn
der Herbst hat einen erotischen Duft

wer bin ich?
wo bin ich eigentlich?

ich suche mich in den Städten
in Wäldern
zwischen trägen Bergen
sehe die Spuren meiner Füße
höre Stimmen
manchmal erfahre ich von Erzählungen über mich

und doch
mir selbst begegne ich nie

ich spüre mich in verschiedenen Zeiten
suche den Anfang
sehe das Ende voraus
dort ebenfalls gibt es mich nicht
weder hier
noch woanders

überall
ist nur Raum
Menschen
empfindsame Tiere
soviel Hochgefühl
Sehnsucht und Hoffnungen

für mein Ich
gibt es keinen Platz
in der Welt
in der ich bin

Mondfülle durchschimmert Schneewolken
der Himmel ist blaß
die Luft ist frostig
mein Hochgefühl
zittert unter der Last der Flocken

Fülle des Lebens ist das
was sich erfüllt
heute - im Schnee
morgen - ohne gestern

ich bin dem Nichts zugewandt

zwischen dem
was ich bin
und dem
was es nicht gibt
steht die Staffelei und Leinwand
so weiß

ich rufe mich aus dem Nichts zurück
gebe dir etwas
was es nicht gibt

meine Sprache lebt seit Milliarden Jahren

es ist die Sprache der Verwandlung
die Strände kennen sie
Sterne Pflanzen
manchmal sogar die Tiere
junge Mädchen und Vogel
oder auch das Gras
die Spinne
- was immer auch lebt

sie sprechen zu mir und ich spreche zu ihnen

wir sind schon seit immer hier und haben viel Zeit
haben hingegen keine Geheimnisse Grenzen
Gefängnisse Hoffnungen Auszeichnungen und keinen Tod

wir wissen dasselbe
brauchen nicht zu reden
wir sind zusammen
ja! wir sind wir selbst
und das
was durch uns spricht

ach ja! besonders dies sind wir
seit Milliarden von Jahren

mein Sein hat weder Anfang noch Ende

seine Pole sind:
das Licht dem es entgegeneilt
und der Raum
den es schafft
aus Nichtsein
Nichtempfinden
Nichtwissen


Unter dem Auge der Uhr Reportage von einer unendlichen Reise LEUTE in Strichen und Worten
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