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Unter dem Auge der Uhr
 
Gedichte aus meinen ersten Gedichtband
 
von Wis - Wieslaw Sadurski

 1966 - Die Redaktion der deutscher Ausgabe der Monatszeitschrifts 'Radar' hat mich gebeten,
meine Gedichte zur Verfügung zu stellen und einen persönlichen Text über Poesie zu schreiben.
Sie schickten mir einen Fotografen, um eine Serie von Portraits von mir zu haben.
Dann übersetzten Sie meine Texte und Gedichte und veröffentlichten diese in ihrem Magazin.
2010 - zufällig entdecke ich Zeitungsausschnitte aus der Vergangenheit...


Mein Text über Poesie, Fotos und frühe Gedichte:


Zur Bestaetigung des Schicksals, Wieslaw Sadurski 1966
Es gibt Menschen, die eifrig ihre Gärtchen bebauen, und es gibt andere, die sie zerstören. Die Anzahl der ersteren ist unvergleichlich größer, aber die anderen weisen in ihre Tätigkeit viel mehr Energie auf, so daß das glückliche Gleichgewicht zwischen Freud und Leid für gewöhnlich bewahrt wird.
Die obige Einteilung würde für alle Menschen genügen, gäbe es nicht eine kleine Gruppe nicht besonders sympatischer Individuen, die 'keine Hände' haben.
Gewiß, in der Kindheit oder frühen Jugend machten auch sie sich munter ans Bebauen der eigenen oder Zerstören der fremden Gärtchen, aber sie taten dies offensichtlich nicht so, wie es sich gehört.
Vielleicht gruben sie zu tief, mit zu großer Liebe? Vielleicht litten sie zu sehr darunter, daß andere Menschen lebendige Blumen zerstören?
Wie auch die Anwort auf diese Fragen lauten mag, kein Wissen ändert die Tatsache, daß diese Menschen auf Blindgänger stießen... Ein kurzer Blitz, der Windstoß einer Explosion, schmerzliche Wunden statt der Arme... Und ein langes Leben in scheinbarer Untätigkeit.
Manchmal, wenn ich an Gedichten arbeite - scheint es mir, ich sei einer jener nicht sonderlich sympatischen Armlosen.
Die unsichtbare, aber tief empfundene Verkrüppelung macht mich der ganzen Welt gegenüber aggressiv, läßt mich auf Gärten mit zerstörischer Ironie blicken.
Das Dasein wird zur totalen Aggression gegen alles, was nicht ich ist.
Das Ziel dieser Aggression soll es sein, die mir feindlichen Kräfte, Menschen und Dinge aufzusaugen, sie zu einer lyrischen Schöpfung mit einer einzigen, alle Antinomien aufhebenden Gestalt zu verschmelzen.
Wenn dem aber so ist, ändert die Aggression in ihrem Verlauf den Charakter; von der Zerstörung geht sie in Liebe über. Eben Liebe, mit allen dazugehörenden Erscheinungen der Zärtlichkeit und des Verständnisses, des Mitgefüls und der Opferbereitschaft.
Ist das Gedicht, das im Verlauf dieses Prozesses der Aggression ensteht, schlecht - kehrt das Gefühl der Feindseligkeit gegen die Welt zurück; wenn es gut ist - kehrt so ein Gefühl auch zurück, aber nicht so eilfertig.
So wie mit dem Essen der Appetit wächst, wächst bei der Betrachtung der nächsten dichterischen Realisierung das Gefühl des Ungesättigten. Es ensteht ein Zauberkreis, eine lange Reihe von Aufstieg und Fall, Freude und Leiden, die man nicht voneinender trennen kann, so wie man den Phönix nicht von der Asche trennen kann, zu der er wird.
Ein so empfundenes Verhältnis zur Welt bestimmt die Thematik meiner Gedichte, beschränkt sie - sofern man das Beschränkung nennen kann - auf Liebe und Leiden, rein menschliche Angelegenheiten, also solche - was daraus folgt - die von Geheimnissen umhüllt sind. Ich habe vor Jahren Plotinos Glauben geschenkt, daß das, was für den Verstand undurchdringlich ist, im Zustand der tief empfundenen Einheit mit der Welt zugänglich wird, im Zustand der Ekstaze. Ich bereue diesen Glauben nicht (mit dem Vorbehalt, daß er poetischen, nicht aber philosophischen Charakter hat), denn dank ihm vermochte ich in manche Gedichte Splitter jenes Gefühl der Einheit einzuschließen. Die Sonne, Bäume, Flammen, die Schwärze der Nacht und der Glanz des Morgens verloren ihre Eigenschaften, wurden zur poetischen Materie, die von anderen Gesetzen regiert wird als die Naturgesetze.
Einer meiner tiefsten Wünsche ist es im Gedicht reine Legierung von Liebe und Leiden zu gewinnen. Es gelang mir - ist dem so? - ein einziges Mal, im Gedicht 'Im hellen Zimmer'. Ich habe zwar die Versicherung gehört, daß dieser Text zu brutal und obszön ist, aber ich glaube Versicherungen nicht, besonders wenn sie der Warheit widersprechen. Und die poetische Warheit beruht, wie mir scheint, nicht auf der gefühls- und situationsmäßigen Beweisbarkeit des Gedichts, sondern auf seiner expressiven Genauigkeit, Adäquatheit von Inhalt und Form.
Um zur Parabol von den Gärten, von der ich ausging, zurückzukehren, möchte ich noch ein paar Worte zum Thema hinzufügen: warum ich schreibe. Die Explosion des symbolischen Blindgängers hat mich zwar nicht der realen Hände beraubt, sie hat mich der Handflächen beraubt, die sich alle im brüderlichen Druck reichen. In gewissem Sinne hörte ich auf ein Mensch zu sein, und die Dichtung wird jetzt zum Weg, den ich zurückgehe. Ich glaube daran, daß ich zum Zustand der Menschlichkeit zurückkehren werde, daß ich so wieder ein nützliches Wesen, ein gesellschaftlicher Mensch werde. Das ist wohl kein allzu ehrgeiziges Programm... Aber - wenn man auf das alles vom Gesichtspunkt eines Pflänzleins aus unseren schönen Gärten blickt, eines vom Zahn der Zeit schartig gewordenen Kaktus, dann... wer weiß?

ÜBER
über dem heulen der menschen
aus denen die blutbahnen gerissen wurden,
über den tag der verging
und der fuß der in ihm versinkt,
über der lampe ohne wünsche,
über dem leben ohne licht
ist das wachen, das verneint,
nicht in zweifel verfällt

in den grausamen kiefern der marter,
wenn die wege zerfallen
wenn alle hände abgeschnitten
reichen die menschen die hände
der wachsenden hoffnung,
dem strahl des lichtes
auf den ich mein herz aufspieße
WELCH LOS HAT MICH VERBUNDEN

welch los hat mich verbunden mit schillerndem gras
wenn rauch die augen verhüllt,
das wahre haus der städte
und über uns geht die kavernöse sonne auf?

o, noch eine weile, ein jahr
die welt behalten ohne risse,
den druck aushalten
des herrlichen in ihr tosenden getümmels

also - die lippen verschließen?
o, die lider senken!
hinunter, mit den wurzeln!
o, mund unterm stein,
o, unter dem lippen du himmelfahrende erde
in den flügeln meines blutes und millionen anderer!

ein augenblick enzündet die städte der ebene,
legt mosaiken aus leichensamen
und stammelt in bildern atemloser rührung

und der gedanke vergeht im rauschen der gräser
im flattern der farbe
auf schmetterlingsblättern

MYTHOLOGISCHES MOTIV

es gibt keine hoffnung auf das finden des weißen stieres
der mensch hat
mit der ihm eigenen pedanterie
wirksam mit dieser gattung schlus gemacht

es gibt keine hoffnung
daß der weiße stier europa raubt
und sie unter vieldeutigen seufzern
des ozeans nimmt
der die liebenden mit der glorie des schaums umgibt

europa
kopuliert
seit jahrtausenden
mit dem schatten des phallischen schwertes

und gebiert ungeheuer
sich breitmachende ungeheuer
in zu engen grenzen,

gebiert ungeheuer
und es gibt keine chance den weißen stier zu finden

STUNDEN DES WACHENS

stunden des wachens
ergraut vor verlangen,
morgengrauen, mittage,
wo es am dunkelsten ist,
vergangene stunden
mit blei auf den wimpern,
aufgespante uhrzeiger auf dem kreuz meiner schultern,
die vor schmerz schwellenden
stunden der zukunft -
werden plötzlich
in mir
mitgegenwärtig
zu blütenblattern
die sich spreizen
auf dem wachenden und blutenden halm

willenlose gesichter ahmen ihn nach,
gesichter
wie hände nach oben gestreckt
und im wirbel gegenseitiger begierden
zum himmel ragend wie ein sinnlicher schauder

auf die blätter fällt aus gedachten höhen
asche verbrannter frühjahre,

und die blume
blendend mit zerfallenden regenbogen
das auge des abgrunds,
welkt in liebesermüdung
und neigt sich zur erde,

damit ich morgen wieder
den unsterblichen fehler wiederholen kann

Wieslaw Sadurski 1966
HEUTE

heute,
in jener nacht
als ich starb
den menschen schon fremd
den göttern unbekannt,
auferstanden die toten zu neuer qual
und dank dessen
bin ich wieder
mit uns

verschlossen in des horizontes harten kiefern,
unter der sonne der ideen,
angefacht auf den lippen -
habe ich wieder ein leib
so real, daß er leidet
und im mund
ein wort: vaterland
wie gips

ich war ein empfindliches instrument der leiden,
eine lanzete,
die der epoche nerven entblöst
und jetzt liege ich auf dem operationstisch,
aufgespannt auf dem geografischen netz des unglücks

und norden und süden sind gleich weit von mir,
und das blut frist augen, wie salz
und meine begierde hat nichts gemein
mit demütig zwinkernden fenstern,
mit verzweiflung und elend,
mit allem
was die komparsen der komödie
lieben dürfen

DENEN, DIE SAGEN

denen, die sagen: schmerz festigt das sein
und adelt, wen er beliebt zu berühren,
sag, daß sie nie verzweiflung verspürten
die so eng mit der welt den menschen vereint,

daß er die wunden der welt im menschen bettet
und ihm so fein sticht in die augen,
festigt in ihm an die dinge zu glauben,
daß er die menschen vor einander rettet,

weil der schmerz, wenn er schafft, nur ruinen schafft,
ein zerrisener mund übernimmt nicht den ton,
daß jeder hörer, vom dasein umsponnen,

erkennt des eigenes leidens kraft,
sich nicht durch schmerz jeden tag veredelt
auf daß er wenn er leidet nicht vergebens leidet

SIE AMÜSIERT MICH

sie amüsiert mich, sie ist voller flämmchen,
warum verbrennt sie kaum die decke wärmend,
die eigens ausgeborgt für diese feier?

mit starker stimme sag ich ihr tausend schimären,
die sich in ihr geduckt haben,
sie aber lacht nur

dann weiß ich nicht was tun,
schau in das zitternde fenster,
auf der strasse ist der mittag zu schnell vorbei,
sie spielt mit dem kätzchen,
hat sehr dunkle haare,
zu große augen,
sind sie zur liebe fähig?

aus träumen über tugend wählt sie die leidenschaft,
zieht männlichen verzicht der trauer vor,
lächelnd erträgt sie schicksalsschläge,
und siegt heiter,
mit erhobener stirn
und einladend geöffneten schlanken schenkeln

FRÜHLING

des
mädchens brustwarzen
kitzeln die luft
und bringen sie zum rasen,
bis sie zerbirst
in hellen
spritzern der knospen

früh hat sich schon alles erfüllt:
auf den bäumen wiegen sich blätter, blumen,
träge zieht zwischen ihnen der wind

und das mädchen
springt hoch mit halbgeschlossenen lidern,
berührt mit fingerspitzen die sonne

die versengte haut weicht in ihren körper zurück
in korridore,
durch die galoppieren
tiere des ersten frühlingshaften traums,
ihrem neugeborenen namen entgegen,

wenn die liebkosung ihre haut entblöst
von innen

Wieslaw Sadurski 1966
NACHTS

nachts
werden die wände immer weißer
wie mein blut;
das weiß strömt aus ihnen narkotisch, erschlaffend;
monoton dehnen sie sich aus und schrumpfen,
werfen sich auf den körper am tisch,
dann wieder
reißen sie sich von ihm mit einem leisen knall,
zusammen mit fetzen von haut,
streifen von haaren,
mit seinem inneren atem, wo ich wachse,
und dem inneren atem,
wo ich zerfalle

rhytmen, die nich enden wollen,
qualen, die nicht beginnen,
abenteuer,
wo der tod siegt
in weiß und verlassenheit

im käfig,
dessen stäbe endlose nächte sind
kriechen augen einer anderen welt über die wände,
und langsam fallen sie zu,
öffnen sich,
zerfetzen den letzten menschen
zwischen vier weißen fremden
wänden
des körpers

IN MEINEN KÜSSEN

in meinen küssen ist sie fast eingeschlossen
der freiheit beraubt,
und doch gebieterisch
durch alle worte blicken gebärden

ihr gelten meine vorsichtigen zeichen auf blättern
die wüstengelb gefärbt von der erde fallen,
von ihr sprech' ich zärtlich wie mit eine prise salz

ich kann nicht weg,
gleich wecken mich ihre augen,
tränen zerbröseln felsen und pfade vor mir,
an den wegen ragen bäume in die luft,
fliegen in die gänge der adern

wie die sonne für den kleinen tod leuchtet
siehst du die liebe,
das zur welt blutende feuer,
siehst du die schnell träumende ihren klaren traum,

sich an sie schmiegen,
an keine rückkehr glauben,
so sich und die anderen bewahren


Wieslaw Sadurski 1966
IHR LAIB

ihr leib
so gefügig den liebkosungen des zerfalls
allzulange hatte er eine vorstellbare gestalt,
stets bewegt
doch er kann nicht blenden,

die vorzüge der ohnmacht kennt er schon so genau
daß der fuß sich nicht rührt noch die lider heben
blickt auf keines der irrlichternden gesichter
die vergehen
über die kühle der hingebung

sie starb bevor sie zeit hatte zu lieben:
zerstritten mit der zeit,
mit ironischer geste
auf jeden fall wegstoßend
genügt sie den täglichen regeln der liebe

o, mit welch einfachheit kann sie weiblich sein,
ihr gesicht
obwohl einfallend und eine muschel bildend
auf die verwitweten himmel fällt um zu weinen,
eine muschel
in der zu hören ist
das unsterbliche weinen

SIE SPUCKEN AUF DIE ERDE

sie spucken auf die erde, fluchen voller groll
schlafen mit zeitungen bedeckt auf der treppe
und obwohl ein mensch, häufig ein wolf
der seine schnauze verbirgt unter dunkler kappe

für viele ist der mensch das licht der zukunft
für andre ein leiser ruf vergangener tage
sie denken nicht dran, daß ihre gebeine
der rabe krächzend menschlich nennen kann

es ist leichter die toten als menschen zu nehmen
wir wollen also lebendige bestatten
ihnen grabhügel aufschütten, ihnen kreuze aufstellen

obdachlose jedoch schätzen menschen höher,
weil der, der im weichen bett schläft
von seinen mitmenschen sagt: sie seien... so grau...

Unter dem Auge der Uhr Reportage von einer unendlichen Reise LEUTE in Strichen und Worten
in English - Peoplepo Polsku - Poezje
 
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